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Leitartikel der Woche

Der Weg vom Ich zum Wir ist noch lange
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Es gibt zahlreiche Bücher mit dem Titel „Vom Ich zum Wir“. Gerne hat die damalige Regierung der ehemaligen DDR diesen Slogan als sozialistische Parole verwendet. Gerade mit dem zweiten Beispiel hat dieser Kommentar aber herzlich wenig zu tun.
Wann aber wird das Ich und wann das Wir benutzt? Hauptsächlich in Aussagen, in denen die Meinung wichtig ist. Beispiel Arbeitsplatz: Ich als Arbeitnehmer bin der Meinung, dass ich ungerecht behandelt werde. Wir als Firma und ihr Arbeitgeber sehen das aber anders. Ich werde das mit der Gewerkschaft und dem Betriebsrat besprechen. Dann sind WIR stärker. An diesem vereinfachten Beispiel sieht man recht schnell, wie und das ein Wir stärker sein kann als ein Ich. In der Politik gibt es wenige Politiker, die aus der Ich-Perspektive ihre Meinung sagen. In den meisten ihrer Aussagen hört man ein verstecktes Ich in der „Wir als Partei“-Meinung.
In der kleinsten gemeinsamen Gruppe einer Gesellschaft - der Familie - wird durch das Zusammenleben, die gemeinsamen Rituale ein familiäres Wir-Gefühl. Zumindest sollte das der Idealfall sein. Jedes Kind hat seinen eigenen Charakter, den es mehr oder weniger ausgeprägt auslebt. Ein anfänglich sehr egoistisches Ich erkundet die Welt und wird durch Erziehung und Aneignung zu einem Familien-Wir verändert. Viele dieser Wir-Prägungen geben Eltern automatisch an ihre Kinder weiter, manche dieser Wir-Prägungen werden durch zwei verschiedene Wir-Einflüsse unter­schied­licher Familienstämme bestimmt.
2015 war ein wichtiges Wir-Jahr. Es war das Jahr der großen Fluchtbewegung, die als Flüchtlingskrise besser bekannt ist. Gerade in Deutschland und auch Österreich war die anfängliche Solidarität überwältigend und Slogans wie „Wir schaffen das“ in alter Bob der Baumeister-Manier verstärkten dieses Wir-Gefühl. Relativ schnell ebbte dieses Gefühl aber ab und somit auch die Bereitschaft zur aktiven Mithilfe. Am Ende blieben nur einige Ichs übrig. Zu wenig für ein gemeinsames Wir.
Seit Beginn der Pandemie sind wir recht schnell wieder auf den Wir-Zug aufgesprungen. So haben wir alles Erdenkliche und Unerdenkliche möglich gemacht, was die Regierung(en) von uns verlangt haben. Bis zur völligen Isolation. Für viele ein beklemmendes und deprimierendes Ich-Gefühl. Wir haben das aber (fast) alle mitgemacht, damit die Aussicht und Hoffnung auf ein (neues) normales Wir wieder Früchte tragen kann. Je länger aber diese Reduktion vom Wir auf das Ich stattgefunden hat, umso größer wurden der Frust, der Neid und das Unbehagen kein Wir mehr sein zu können.
Nun stehen wir wieder vor einem wichtigen Entscheidungs­punkt für unser gesell­schaft­liches Wir-Leben. Entweder wir schützen diejenigen, die sich gesetzlich noch nicht schützen lassen können oder wir spalten uns in zwei gesell­schaft­liche Schichten. Derjenigen, die bereit sind, Opfer für andere zu bringen. Im Klartext sind das Geimpfte, die Kinder unter 12 und vulnerable Gruppen schützen. Oder diejenigen, die durch ein ausgeprägtes Ich-Gefühl sich selbst und andere ungeschützte Gruppen gefährden beziehungsweise das eigene Leben und das anderer aufs Spiel setzen. Hier sind wir also noch weit entfernt von einem Ich hin zu einem gemeinsamen Wir. Wer die jetzigen Infek­tions­zahlen und Hospitalisierungen von Nichtgeimpften ignoriert und negiert, zeigt entweder ein ausgeprägtes optimistisches Selbstbe­wusstsein oder ist schlicht ein Ignorant und Egoist. Was als Nächstenliebe mit Isolation zum Schutz für vulnerable Gruppen begonnen hat, ist momentan ein
sehr gefährlicher Tanz auf dem Vulkan. Hoffentlich bricht dieser nicht aus.

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