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Leitartikel der Woche

Die Pillepalle-Küchentischrechnung
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Ähnlich wie der Stammtisch im Gasthaus dient unser Küchentisch vor allem am Wochenende, wenn es die Zeit zulässt für angeregte Diskussionen zwischen meiner Frau und mir. Dabei werden wilde Theorien konstruiert oder schlicht Pläne für das Wochenende geschmiedet. Manchmal entstehen Diskussionen, die mitunter sogar Podcast-würdig wären. Vergangenen Samstag war wieder so ein Gespräch, das meine Frau passenderweise als Pillepalle-Küchentisch­rechnung bezeichnete. Worum ging es? Ab dem ersten Dezembe­rwoc­henende sollen in Österreich Corona-Massentestungen beginnen. Zuerst sollen alle im Bereich der pädagogischen Betreuung freiwillig getestet werden, danach österreichweit alle Polizisten. Eine Momentaufnahme, damit sogenannte Superspreader oder Cluster besser erkannt werden. Gut, und jetzt kommt die Pillepalle-Küchentisch­rechnung ins Spiel. Unabhängig von der Sinn- oder Unsin­nhaf­tigkeit dieser Massentestungen kann folgendes passieren: Wenn zuerst die zwei genannten Berufsgruppen getestet werden, was wäre ein mögliches Ergebnis? Die Zahlen an infizierten Menschen könnten rasend in Höhe schnellen. Warum? Weil eben viele infizierte Menschen wenig bis gar keine Symptome zeigen, aber womöglich das Virus verbreiten. Manche wiederum zeigen völlig andere Symptome wie Rückenschmerzen oder leichtes Augentränen. Würden Sie aufgrund solcher Symptome 1450 anrufen? Zurück zur Küchentisch­rechnung: Derzeit sind in Vorarlberg circa ein Prozent der Gesamtbevölkerung aktiv positiv getestet. Brechen wir diese Zahl auf die beiden Berufsgruppen herunter, sind die Zahlen doch über dieser ein-Prozent-Hürde. Beispiel Lehrpersonal: Bei knapp 6.500 Lehrern müssten es circa 65 Lehrpersonen sein, die derzeit aktiv positiv sind. Die entsprechenden Zahlen für das pädagogische Personal in Kindergärten sind hierbei noch nicht einmal berücksichtigt. Vergleicht man nun die Ergebnisse mit den Massensch­nelltes­tungen anderer Länder und zieht dann noch mögliche falsche Ergebnisse ab, dann müssten wir anhand dieser Erfahrungen die derzeitige Zahl an positiv getesteten Menschen in beiden Berufsgruppen mit dem Faktor 8 oder sogar 10 multiplizieren.

Diese Pillepalle-Küchentisch-
rechnung hat nicht den Anspruch, exakte Zahlen abzubilden, sondern am Ende geht es um die Frage, ob wir durch die Massentestungen und die daraus erhöhten Infektionswerte manche system­relevanten Einrichtungen überhaupt noch offenhalten können? Wie soll ein reibungsloser Schulbetrieb funktionieren, wenn viele Mitarbeiter plötzlich in Quarantäne sind, obwohl sie mitunter keine Symptome zeigen? Wie soll ein Regelschulbe­trieb oder auch nur ein Schichtbetrieb ab dem 9. Dezember funktionieren, wenn zu wenig Lehrer da sind? Diese zwei grundlegenden Fragen sollten sich auch die Verant­wort­lichen vor allem für den Bildungs- und Erziehungsbe­reich stellen, in dem ab dem ersten Dezembe­rwoc­henende getestet wird. Gibt es einen Plan B? Im Polizeiwesen bin ich mir ziemlich sicher, dass es mitunter keinen Plan B benötigt, da die Strukturen etwas anders gelagert sind. Sollte ich mich irren, dann haben wir ein Problem. Im Bildungsbereich und im Bereich der Kleinkindpädagogik bin ich mir unsicher, was den Plan B angeht. Am Ende bleibt es vor allem an den Kindern, Eltern und auch Pädagogen hängen. Daher noch einmal der Appell vom Pillepalle-Küchentisch: Das Bildungsjahr 2020/21 ist ein besonderes Jahr mit besonderen Maßnahmen. Daher sollten Bewertungen und Benotungen in der herkömmlichen Form erst gar nicht gemacht werden, oder nicht gelten. Das Problem werden wir nicht bekommen, sondern haben es schon.

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