rma

Leitartikel der Woche

Künstler zwischen Armut und (Arbeits-)Zwang?
Raimund Jäger raimund.jaeger@rzg.at
Erstaunt war ich über eine Studie zu den Lebensverhältnissen freischaffender Künstler, die ergab, dass die Hälfte der Befragten – professionelle, großteils akademisch ausgebildete Kultur­schaf­fende – armutsgefährdet seien und nicht von ihrer Arbeit leben können. So weit, so schlimm für sie. Als Ex-Profimusiker und Kulturjour­nalist glaube ich die Kunstszene vor und hinter den Kulissen zu kennen und – ja, es ist schwierig, als nicht „angestellter“ Künstler ohne Nebenbeschäftigung mehr als 15.000 Euro netto im Jahr zu verdienen. Natürlich verdiente auch ich mit kommerziellen Projekten weit mehr als mit experimentellen und zudem nutzte ich als Journalist und/oder Werber meist ein zweites Standbein.
Was soll diese Studie nun aber aussagen und vor allem bewirken? Dass sich die Politik im allgemeinen und die Kulturpolitik im besonderen mehr um die freischaffenden Künstler „kümmern“ muss? Und wenn ja, auf wessen Kosten? Das mit dem „Leben von der künstlerischen Arbeit“ ist ja so eine Sache. Die meisten Kunst- und Kulturin­stitutionen (Theater, Orchester, Museen, aber auch die freie Szene) werden ohnehin stark gefördert, sonst gäbe es sie nicht. Da ist wohl kaum etwas abzuzweigen. Was ist dann also mit denjenigen, die davon nicht profitieren können oder wollen?
Ich möchte nicht mit ignoranten Web-Kommentaren mitheulen, die da meinen: „... dann sollen sie eben etwas arbeiten“. Das ist dumm; Kunst ist Arbeit, das Ergebnis dieser Arbeit allerdings (auch) Geschmackssache. Andererseits: wenn man nicht mit dem Mainstream mitschwimmen will, aber nichts verdient, wäre es schon angebracht, sich gelegentlich einer anderen Tätigkeit – auch, um die Infrastruktur für Kunstausübung überhaupt zu sichern – hinzugeben. Ich kenne vor allem viele Spitzenmusiker, und fast alle üben hierzulande eine (meist reduzierte) Lehrver­pflichtung aus. Ob das ihre Kreativität lähmt? Es kostet zumindest Zeit, aber der Kontakt zum Nachwuchs hat sicher auch seine Vorteile. Wie es bei Bildenden Künstlern, Tänzern oder Autoren ist, weiß ich nicht.
Was ich weiß: wirklich talentierte Leute setzen sich – ob mit oder ohne Zusatzverdienst – meist in einem gewissen Maße durch. Wer über Jahre oder gar Jahrzehnte weder in der Öffentlichkeit noch in Fachkreisen reüssiert, ist daher entweder dem (Zeit)Geist irgendwie enteilt oder – man verzeihe mir – einfach nicht gut genug. Ob es für „nicht gut genug“ finanzielle Hilfen (Grundsicherung, Steuergelder) geben sollte? Korrupte Wirtschafts­treibende und unfähige Manager oder Banker werden jedenfalls immer „gerettet“. Man darf und sollte daher gerne auch die armutsgefährdeten Künstler „retten“. In einem Land, das so reich ist wie Vorarlberg, dürfte auch das keine große Kunst sein, oder?

Ihre Meinung zum Leitartikel wurde gesendet!

Menü