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Leitartikel der Woche

Der Tod kommt schleichend
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Wenn man als „gschtandner“ Vor-
arlberger von Tradition spricht, dann sind damit meist Orte oder Rituale gemeint, die es schon sehr lange gibt. Die Vorarlberger lieben Traditionen und gerade bei den jüngeren Generationen werden gewisse Rituale und kulturelle Anlässe gerne aufgenommen und teilweise in die Neuzeit adaptiert. Tradition ist demnach für eine regionale Identitätsbildung enorm wichtig. Das könnte wahrscheinlich auch jeder Soziologe so unterschreiben. Was aber passiert, wenn etwas, das Tradition hat, ausstirbt? Es ist plötzlich nicht mehr da. Ein kulturelles Loch entsteht. Im Umkehrschluss wird sie ad absurdum geführt, führt man sie ein, dann ist sie invasiv und es gibt auch schnell ein Zuviel davon. Denken wir nur an Halloween oder die inflationären Oktoberfeste in jeder Dorfkneipe. Apropos Dorfkneipe oder wie wir bei uns sagen würden Gasthaus. Fast jeder Ortsteil, jedes Dorf und Gemeinde hat „sein“ Gasthaus. Diese Häuser haben Geschichte, sie haben und leben Tradition. Die Gemäuer erzählen uns von ihrem Ursprung, ihrem Fortbestehen und somit auch von ihrem berechtigten Dasein innerhalb einer Gemeinschaft, dem Dorf. In einem Dorfgasthaus trifft man sich, redet miteinander, tauscht sich aus und konsumiert im Idealfall regionale Produkte. Ähnlich verhält es sich mit ansässigen Händlern, wie Metzger, Bäcker oder zum Beispiel auch dem örtlichen Autohändler.
Seit einigen Jahren schleicht sich aber etwas ein, dass teilweise auf das Konsumverhalten der Bewohner eines Dorfes zurückzuführen ist, aber auch auf die personelle Situation bei einigen Betrieben. Gasthäuser schließen, Händler geben ihr Geschäft auf. Das ist für ein gesundes Ortsbild und dessen Entwicklung nicht gut. Ein wichtiger Teil der Grundinf­rast­ruktur bricht weg. Was aber bei dieser negativen Entwicklung immer klarer wird, Betriebe schließen nicht, weil die Kundschaft ausbleibt, sondern schlicht, weil das Fachpersonal nicht mehr vorhanden ist. Soll heißen: Der Betrieb läuft eigentlich gut, die Aufträge wären da, der Umsatz passt einigermaßen, aber es kann nichts produziert oder geliefert werden, weil es kein Personal mit fachlicher Ausbildung mehr gibt. Dieses Phänomen, wenn man es denn so bezeichnen will, betrifft immer mehr Branchen.
Natürlich wird der Druck von großen Ketten oder Onlinehändlern immer größer. Aber wenn Tradition­sunter­nehmen aufgrund von anderen Kriterien schließen müssen, dann ist das ein schleichender Tod und mitunter hat man selbstzufrieden zu lange gewartet. Dann kann es durchaus passieren, dass sich im Dorfgasthaus Löwen, Hirschen oder Lamm ein exotisches Restaurant einmietet. Das alles wirkt dann irgendwie sehr befremdlich, wenn man in den genannten alten Gemäuern mit traditionellen Gasthausnamen statt Käsknöpfle Ente süßsauer oder eine Pizza Diavolo bestellen kann.
Traditionelle Riten und/oder Orte sterben also aus, weil sie keiner mehr bedienen kann, obwohl man sie wertschätzen würde. Das wiederum führt über kurz oder lang zum Gegenteil von Identitätsbildung - zum Verlust.
Fachkräftemangel ist genauso schleichend und gefährlich wie der Klimawandel. Wie wertvoll etwas ist, merkt man meist erst, wenn es nicht mehr da ist. Aber dann ist es zu spät! Darum ist es wichtig, dass schleunigst etwas dagegen getan wird (natürlich auch gegen den Klimawandel). Darum ist es wichtig, dass traditionelle Feste, Rituale und Orte gerade in einer Dorfge­mein­schaft aufrecht erhalten bleiben. Das Genannte ist ein Teil der Kultur einer jeden Gesellschaft. Auch hier bei uns in Vorarlberg. Wenn der „Goldene Hirschen“ nur noch eine Fassade seiner selbst ist, dann hat dieses Haus auch nicht mehr viel zu erzählen. Es verliert seine Identität. Ein kleiner Tod, auch für das Dorf.

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