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Leitartikel der Woche

Entscheidung und Glaube
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Diese beiden Begriffe sind gerade jetzt in der besinnlichen Adventszeit eng miteinander verbunden, und natürlich betrifft es fast alle Bereiche unseres täglichen Tuns und Handelns. An etwas zu glauben bedingt immer, dass ich mich erst einmal entscheide daran zu glauben. Es ist also ein aktiver Prozess meines Denkens. Selbst wenn ich das Gefühl habe, dass ich bekehrt wurde – die Entscheidung treffe am Ende immer ich selbst. Ein passendes Beispiel sind Kinder. Kinder glauben an den Nikolaus, das Christkind und den Osterhasen (sie entscheiden dies aber nicht bewusst). Es gibt aber einen Moment im Leben der Kinder beziehungsweise Jugendlichen, in dem sie dann vielleicht entscheiden nicht mehr daran zu glauben. Warum? Weil man es ihnen gesagt hat? Weil sie gesehen haben, dass der Nikolaus eigentlich der Nachbar ist und das Christkind und der Osterhase nicht selbst gesehen wurden? Ich denke, es ist ihre persönliche Entscheidung nicht mehr daran zu glauben.
Warum glauben viele Menschen an Gott beziehungsweise Götter oder Außerirdische um nur ein paar Beispiele zu nennen, obwohl jeglicher empirische Beweis dafür fehlt? Weil sich diese Menschen dafür entschieden haben daran zu glauben. Warum ist das so wichtig? Weil es ein wesentlicher Unterschied ist zu sagen: Ich glaube daran oder ich habe mich entschieden daran zu glauben. Das heißt, es ist nicht der Glaube an sich, sondern die aktive Entscheidung, der ausschlagge­bende Moment. Das mag jetzt vielleicht auf den ersten Blick banal wirken oder einfach nur Wort- oder Bedeutungs­klauberei. Aber wenn man sich selbst
gegenüber ehrlich ist, dann kann genau dieser Unterschied den Glauben an etwas oder an jemanden noch mehr bestärken.

Aktuell nehmen wöchentlich hunderte Menschen im Land an den Demonstrationen für ein menschliches Fremden- und Asylrecht teil. Warum tun sie das? Weil sie entschieden haben, daran zu glauben, dass es bessere Alternativen zum derzeitigen Weg der Bundesregierung gibt. Die Bundesregierung wiederum hat entschieden daran zu glauben, dass ihre Entscheidung der bessere und vor allem sichere Weg für Österreich sei. Hier fehlt im Prinzip der empirische Beweis dafür. Umgekehrt zeigt es aber, dass Migration und gesell­schaft­liche Anerkennung auch ohne gesetzliche Notwendigkeit funktionieren kann. Menschen in Vorarlberg haben sich entschieden anderen, in Not geratenen Menschen zu helfen, weil sie daran glauben, dass es der richtige Weg ist. Das sind Menschen, die an die Nächstenliebe glauben und nicht primär an das Böse im Menschen.
Darum glaube ich, nein ich habe mich entschieden daran zu glauben, dass wir es nach wie vor selbst in der Hand haben, wie wir unser Miteinander gestalten. Dieses Miteinander muss auch längerfristig funktionieren, denn wir haben nur einen Platz, wo wir leben und existieren können: die Erde. Viele sind der Meinung, dass wir uns schon lange nach einer zweiten Heimat im Universum umsehen sollten, denn es wird eng auf der Erde, sowohl was die Anzahl der Erdbewohner als auch was die Ressourcen anbelangt. Aber auch das war bisher die Entscheidung von Menschen, die daran geglaubt haben, dass der bisherige Weg der richtige sei. Das mag der springende Punkt sein bei all den genannten Beispielen: die Entscheidung an etwas zu glauben, heißt am Ende nicht, dass es der richtige Weg war. Und zu glauben, dass Entscheidungen nicht umkehrbar sind, wäre reiner Aberglauben.

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