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Leitartikel der Woche

Erinnerungslücke
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Seit knapp zwei Wochen sind die Schüler in Vorarlberg im sogenannten Lernstandby-Modus. Diese lernfreie Zeit dauert ja bekanntlich neun Wochen an, bevor wieder der Ernst des Lebens beginnt.
Eine sehr lange Zeit und für viele Kinder und Jugendliche wirkt es in ihrer Vita wie eine Erinnerungslücke. Außer dass man mit den Eltern im Urlaub war (wohin – wäre schon zu viel) und mitunter als Jugendlicher schon sein eigenes Taschengeld dazu verdienen konnte, bleibt nicht viel übrig. Warum auch - nächstes Jahr wiederholt sich das Ferienspektakel von neuem.
Das gilt auch für all die Schüler, die in den Ferien für irgendwelche Nachprüfungen büffeln müssen oder Nachhilfe bekommen, weil sie notentechnisch die nächste Schulstufe sonst nur mit Müh und Not bewältigen würden. Der Nachhilfemarkt, gerade in den Sommerferien, boomt und scheint auch nicht kleiner zu werden. Böse Zungen behaupten ja, dass diese Nachhilfelobby so sehr Einfluss auf den Schulmarkt hat, dass quotentechnisch immer ein gesunder Anteil an lernschwachen Schülern vorhanden ist. Das ist aber eine absurde Unterstellung und hilft bei der eigentlichen Ursachenbekämpfung nicht wirklich.
Der eigentliche Grund, warum so viele Schüler im Schuljahr und auch in den Ferien Nachhilfe benötigen, ist die Art des Lernens. Genau das ist der Punkt. In den Schulen wird Lernstoff vermittelt, aber viel zu wenig darauf Wert gelegt, wie man den Stoff individuell lernt. Individualität ist wahrscheinlich ein Horrorwort in manchen Schulen. Zu wenig Zeit für zu viel Lernstoff. Wie soll man da noch individuell auf den einzelnen Schüler eingehen? Dafür gibt es ja dann die Nachhilfe oder auch die Eltern. Leider gibt es bei den Eltern so manche Hürden schon von Anfang an. Der Lernstoff hat sich verändert, die Zeit fehlt und die Eltern haben selbst auch nie Methoden an die Hand bekommen, wie man besser oder einfacher lernt. In den meisten Schulen wird versucht so viel wie möglich in den Schülertrichter rein zu stopfen - in der Hoffnung, dass irgendwas hängen bleibt. Das soll wirklich das Ziel der Schule sein? Das Kurzzeitgedächtnis so zu stimulieren, dass ein kleiner Prozentsatz des Erlernten im Langzeitgedächtnis hängen bleibt? Sehr ernüchternd so eine Schulzeit. Befragt man viele Schüler, die in ihrer Schule nie Wege für Lernmethoden an die Hand bekommen haben, was sie denn aus ihrer Schulzeit mitgenommen haben, sind das meist Beispiele mit praktischem Charakter.
Die Ferien sind dazu da, damit sich die Schüler erholen. Die Länge der Ferien kann man an einer anderen Stelle diskutieren. Schüler sollten sich nicht auch in den Ferien damit befassen, was sie während der Schulzeit erlernt haben – außer es sind praktische Anwendungen.
Lernen lernen sollte der Grundbaustein für alle Schüler sein, damit jeder Schüler für sich entscheiden kann, mit welchem Lernbaustein der Stoff langfristig gespeichert wird. Bei all den geplanten Neuerungen, angefangen von der gemeinsamen Schule bis hin zum Digitalisierungs­projekt, bleibt immer noch das Lernen im Vordergrund. Wenn das nicht ausreichend vermittelt wird, bleibt Österreich weiterhin im unteren Mittelfeld von sämtlichen Schul­leis­tungser­hebungen. Noch sind wir nicht an dem Punkt, wo unsere Kinder Wissenschips implantiert bekommen, die die Schulen in der heutigen Zeit überflüssig machen. Einen Erinnerungschip für die neunwöchigen Ferien wären hingegen manchmal gar nicht so schlecht.

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