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Leitartikel der Woche

Und plötzlich ist alles anders
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Es ist viel ruhiger geworden. Es sind weniger Kondensstreifen am Himmel zu sehen. Wir reden wieder mehr miteinander. Wir haben mehr Zeit für die Kinder. So viel Sport zu Hause habe ich noch nie gemacht. Und ich war noch nie so viel spazieren. Ich gebe weniger Geld für sinnloses Zeug aus. Und ich liebe es, bargeldlos bezahlen zu können oder zu müssen – geht also doch auch ohne Bargeld. Endlich mal mehr Zeit für den Garten. Ich kann endlich all meine Fotos digital sortieren und bearbeiten. Hab mich mit meinen Freunden auf ein Videochat-Bier getroffen.
Ich kann mir die Miete nicht mehr leisten. Mein Kind weint nur noch, weil es seine Freunde vermisst. Wie soll ich bei der Kurzarbeit jetzt meine Schulden zurückzahlen? Ich habe Angst um meine Großeltern! Wir hatten schon lange keinen Kontakt mehr zu unserem Freund, der eh schon sehr depressiv ist. Hoffentlich ist ihm nichts passiert. Meine Mutter benötigt eine 24-Stunden-Pflegekraft. Bisher kamen diese Menschen immer aus Rumänien oder Polen. Was passiert jetzt? Ich kann mir die Betriebskosten nicht mehr leisten. Online-Friseurshop geht auch nicht.
All diese Gedankengänge und noch viele mehr beschäftigen in diesen Tagen die Menschen, und zwar alle. Die einen sind noch auf der Sonnenseite dieser Krise und sehen viele Dinge positiv, da existenziell noch nicht ganz so viel passiert ist. Andere wiederum sind schon nach wenigen Wochen am Ende ihrer Kräfte. Und alle wollen wissen, wie es weitergeht. Die Experten und Politiker scheuen sich vor der Beantwortung dieser Frage, die einhergeht mit der Frage, wie lange diese Isolation von Menschen in der Welt noch andauern wird. Dabei geht es um eine wichtige Komponente: Wissen. Je mehr Menschen getestet werden, je mehr Menschen sich über einen längeren Zeitraum an die Verordnungen halten, desto größer ist die Wahrschein­lichkeit, in absehbarer Zeit in eine Art Normalzustand (wenn es diesen überhaupt wieder gibt) zu erreichen. Statistisch kennen wir hauptsächlich die Anzahl der Toten, die durch COVID-19 gestorben sind. All die anderen Zahlen - bezüglich Infizierung und Genesung - sind aufgrund der geringen Testungen und der Wahrschein­lichkeit, dass die Anzahl der Infizierungen weitaus höher ist, völlig unbekannt. Um es hier noch einmal klar zu machen: Jeder Corona-Tote ist ein Toter zu viel. Genauso wie all die anderen Menschen, die jetzt sterben müssen. Auch diesen Menschen und den Angehörigen gilt jedes Beileid. Erst wenn eine breitere Testung erfolgt und jeder Einzelne wüsste, ob er selbst infiziert ist oder nicht, ist ein verant­wort­liches Handeln viel ehr gegeben. Wissen über die eigene Befindlichkeit schärft das Bewusstsein für das tägliche Tun. Und damit ist nicht die Wissens-
aneignung gemeint, die uns irgendwelche Verschwörungs­theoretiker beibringen wollen. Es ist schlicht das Wissen über den Zustand der eigenen Gesundheit.
Das ist wichtig, denn genau das bringt es auf den Punkt: Das Gesun­dheits­system darf nicht aufgrund von falschen oder Halbwahrheiten kollabieren. Zu all den Corona-Patienten kommen noch all die anderen Patienten und Verletzen, die es sonst eben auch gäbe. Spanien, Italien und ganz stark jetzt auch die USA zeigen, wie instabil ein Gesun­dheits­system werden kann, wenn es über Jahrzehnte kaputtgespart wurde. Von Schwellenländern wie Indien haben wir noch gar nicht gesprochen. Wir, vor allem auch hier in Vorarlberg, sind in der glücklichen Lage, dass wir auf ein hervorragendes Gesun­dheits­system zurückgreifen können. Diskussionen über Verbesserungen und Wartezeiten sollten wir erst dann wieder führen, wenn wir auch wieder Luft und Zeit haben darüber zu reden. Jetzt ist es wichtig, sich Wissen über die eigene Gesundheit anzueignen. Auch, wenn plötzlich irgendwie alles anders ist.

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