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Leitartikel der Woche

Wer sind die eigentlichen Gewinner?
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Über zehn Milliarden Euro! Wieder! So fiel die Bilanz über den Vorarlberger Export 2020 aus. Das sind zwar 2,6 Prozent weniger als noch 2019, aber man rechnete mit wesentlich weniger Exportumsatz für das Jahr 2020. Zahlreiche Vor-
arlberger Firmen mit national und internationaler Bekanntheit haben in den letzten Wochen ihre Bilanzen präsentiert. Und diese können sich zeigen lassen. So hat ein bekannter Dornbirner Leuchtenher­steller ein fulminantes Geschäftsjahr hinter sich. Man sei in den letzten zehn Jahren noch nie so erfolgreich gewesen. Ein Beschlägehersteller meldet ebenfalls Rekordumsätze. Banken berichten in Reihe von Erfolgszahlen, die ein breites Grinsen in die Gesichter der Direktoren zaubern. Viele Firmen haben gerade in den Lockdownphasen gezittert. Nicht aufgrund der Gesundheit ihrer Mitarbeiter, sondern weil die Angst vor einem kompletten Einbruch des Weltmarkts zur
groß war. Schnell wurden Anträge zur Kurzarbeit gestellt. Nicht alle Firmen, aber sehr viele. Da fragt man sich schon, wie können am Ende solche Erfolgszahlen entstehen? Mitarbeiter in Kurzarbeit – heißt, sie arbeiten weniger, bekommen auch weniger Gehalt. Über einen längeren Zeitraum kann dies für das tägliche Leben problematisch werden. Zusätzlich wurden Stellen, die altersbedingt frei wurden, nicht mehr nachbesetzt. Im Lockdown haben sich so manche Firmen also gesundge­schrumpft. Das trägt bedingt zu solchen Erfolgsmel­dungen bei. Auf Kosten aber von wem? Sollten Firmen, die derart hohe Rekordumsätze verzeichnen, Fördergelder vom Bund wieder zurückzahlen? Darunter würden dann auch die Kurzarbeitsförderungen fallen. Davon hat der einzelne Mitarbeiter rückwirkend nichts, aber zumindest würde es den Schuldenstand des Staates reduzieren.
Ähnlich sieht es in der Touris­musb­ranche aus. Viele Hoteliers und Gastronomen hatten bis zum 1. Juli 2021 eine lange Durststrecke hinter sich. Wobei der allgemeine Aufschrei und das Gejammer in den Lockdownphasen nur ziemlich gedämpft klang. So gab es eben auch in dieser Branche zahlreiche Betriebe, die ohne Lockdowns und Förderungen vielleicht nicht überlebt hätten. Betrieb geschlossen, Personal gekündigt oder in Kurzarbeit, aber 80 Prozent des Umsatzes vom Vorjahr als Förderung bekommen, warum nicht?
Der Immobilienmarkt verzeichnet gerade in Vorarlberg regelrechte Rekordumsätze und Marktpreise. Der Lebensmittel­handel hatte in dem Sinne keine Lockdowns - bis auf die ausgebliebenen zahlungskräftigen Eidgenossen.
Wer sind also die eigentlichen Gewinner der Pandemie? Nur die Pharmakonzerne, die einen Impfstoff auf den Markt gebracht haben? Nein, das Gewinnerrädchen ist viel größer. Am Ende bleibt aber offen, wie sich die Milliardenförderungen vom Bund und der gesamten EU in den nächsten Jahren auf unsere Lebensqualität auswirken wird. Denn es sind Schulden und dieses Geld muss irgendwie beglichen werden. Wenn die Kaufkraft schwindet, weil das Leben im Vergleich zum gleichb­leibenden Lohn immer teurer wird, dann wird es aus wirtschaft­licher Sicht irgendwann eng. Wenn bei Kommunen und Gemeinden das Geld ausbleibt, werden die städtischen Investitionen schrumpfen und die Attraktivität für Wohnen und Leben sinkt.
In jeder Krise gibt es Gewinner. Das mag sein, aber sind es Gewinner für die jeweils eigene Tasche oder Gewinner für das Allgemeinwohl. Soll heißen: Hat die Bevölkerung in der Region auch etwas davon? Vergleicht man die Wirtschafts­krise von 2008, dann ist kein wirklicher Lerneffekt erkennbar. Das Zauberwort heißt Gewinn­maximierung. Das gilt auch in Zeiten einer Pandemie.

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