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Leitartikel der Woche

Die nächste große Kränkung der Menschheit
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
In Anlehnung an die These der drei großen Kränkungen, die der Psychoanalytiker Sigmund Freud aufgestellt hatte, könnte uns 2020 die nächste Kränkung der Gesellschaft treffen oder schon getroffen haben. Mittlerweile gibt es schon etliche weitere Thesen von diversen Kränkungen, die uns alle betroffen haben. Im Endeffekt geht es bei diesen Thesen immer um die Sichtweise des Menschen, sein Bezug auf sich selbst und die Welt. Von der Erkenntnis, dass die Erde nicht als Mittelpunkt des Universums gilt, bis hin zur Tatsache, dass computerge­steuerte Systeme mit ihrer Effizienz und Arbeitsge­schwin­digkeit den Menschen womöglich ersetzen könnten, sind mittlerweile fast zehn große Enttäuschungen hervorgegangen. All das sind Kränkungen, die unserem narzisstischen Denkbild entgegentreten. Nun könnte ein kleines Virus als nächste große Kränkung die Menschheit treffen. Warum?

Seit Menschenge­denken gibt es Krankheiten, die ganze Kontinente befallen oder sogar weltweit für Pandemien gesorgt haben. Sie haben Millionen von Menschen das Leben gekostet. Manche Krankheiten gelten als ausgerottet und manche schlummern noch irgendwo, aber durch gezielte Hygienemaßnahmen und mit Medikamenten kann so manche Krankheit gut kontrolliert werden. Mit all diesem Wissen und gut inszenierten Hollywoodb­lock­bustern zum Thema Pandemien müssten wir also für 2020 – zumindest theoretisch - gut gerüstet gewesen sein. Das weltweite Pandemienetzwerk sollte wie am Schnürchen laufen, die Absprachen mit der WHO und den einzelnen Staaten sollten über jeglichen inner­staat­lichen Hoheitsbedürfnissen stehen. Das Wohl der Menschheit sollte über alles und jedem stehen. SOLLTE. Was ist 2020 passiert? Ein unscheinbares Virus trat in unseren Alltag, als wäre in ein Wespennest gestochen worden. Ungeordnet, unkoordiniert und teilweise völlig hilflos wurde gehandelt oder eben auch nicht. Das Merkwürdige an diesem Szenario: Manche Staaten handelten nach dem Ausbruch von COVID-19 nach Pandemieplänen aus den 1950er-Jahren.

Die große Kränkung, die wir 2020 erfahren, ist schlicht und einfach die Machtlosigkeit und Überheblichkeit unseres Denkens, Handelns und Machens. Machtlos darum, weil wir selbst in den hochgepriesenen und technologisch fortge­schrit­tenen Ländern keinen einheitlichen und gut vorbereiteten Plan gegen eine solche Pandemie vorweisen können und konnten. Jedes Land geht seinen eigenen Weg mit Durchseuchung, mit Lockdown, mit desolatem Gesun­dheits­system, mit grenzwertig scheinenden Testintervallen, mit konfusen Ampelregelungen und, und, und. Die Liste ist ähnlich lang wie die Anzahl von Staaten weltweit.

Das Erstaunliche an der derzeitigen Kränkung ist aber folgende Tatsache: Selbst aus einer möglichen Lernphase – nennen wir sie Pandemiewelle Eins – ist mit Blick auf heute, was die Erkenntnis und die Zusammenarbeit anbelangt, nur wenig bis gar nichts passiert. Staaten, Länder, Regionen beschießen sich gegenseitig mit Einreisebeschränkungen, Regierungen klopfen auf den Tisch und zeigen mit erhobenem Zeigefinger lehrerhaft auf die eigene Bevölkerung mit dem Hinweis, dass jeder es jetzt selbst in der Hand hat, eine zweite Welle zu verhindern. Am Ende sind wir aber nichts anderes als ein wild gewordenes Wespennest, in dem durch den Verlust der Königin keine Wespe mehr weiß, was jede einzelne tun soll. Erschwerend hinzu kommt unsere Überheblichkeit, gewisse Lebensstandards genauso beizubehalten wie vor 2020. Was für eine globale Leistung! Entweder wir gehen aus dieser Kränkung als trotziges Kleinkind hervor und schmollen oder wir lernen aus dieser Kränkung und nutzen die Erkenntnis für ein neues gesell­schaft­liches Modell, miteinander zu leben und zu überleben.

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