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Leitartikel der Woche

Was wir von Marcel Hirscher lernen könnten
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Das kann man ganz schnell beantworten: Skifahren. Ja klar, aber es steckt etwas mehr hinter dieser Annahme.

Genauso gut könnte man den Namen Marcel Hirscher mit Stefan Kraft ersetzen oder anderen­Spitzen­sportlern, die konstant ihre Leistung zeigen und vor allem auch abrufen können. Warum also Marcel Hirscher? Weil er für mich zu denjenigen Ausnahmes­portlern gehört, die als „Gesamtpaket“ alles mitbringen. Er verkörpert sportliche Perfektion und fokussiert ganz genau seine Ziele. Dies zeigt auch seine sportliche Entwicklung. Seit 2012 ist Hirscher Gesamt­weltcup­sieger der Herren. 25 Punkte Differenz betrug der Abstand 2012 zum zweitplat­zierten Beat Feuz aus der Schweiz. 675 Punkte waren es heuer zu Kjetil Jansrud. Alleine dieser Vergleich zeigt, wie man Leistung um ein Vielfaches steigern kann und was alles dahinter steckt, damit ein Mensch seine Ziele so geplant umsetzen kann. Denn eines ist mittlerweile allen im Skizirkus klar: Marcel Hirscher überlässt nichts dem Zufall. So reiste er zur Ski-WM nach St. Moritz mit einer halben Tonne an Material. Er wurde belächelt, aber am Ende für seine Erfolge bewundert. Sein Plan ging auf: Doppel­welt­meister.
Wenn nun Hirscher über sein Karriereende erzählt in einer Saison, in der er mit Abstand zum König im Skizirkus gekrönt wurde, dann ist auch das Teil seines Planes. Ja, das ist bewundernswert. In vielen Sportarten, aber gerade im Skisport ist der Weg nach ganz oben beinhart. Dafür müssen die jungen Sportler und auch deren Umfeld sehr viel Lehrgeld zahlen. Wird der Weg in den Profisport einmal bewusst gewählt, dann bleibt oft Kindheit, Familie und Freizeit völlig auf der Strecke. Ohne Garantie auf Erfolg oder Verbesserung der Lebenssituation. Was aber alle angehenden oder schon bestehenden Spitzensportler gemeinsam haben, ist das Fokussieren auf das jeweilige Ziel. Aufgeben gilt als Schwäche, kämpfen als Weg zum Ziel.
Vergleicht man Marcel Hirscher nun mit einem etwas abstrakteren System, wie zum Beispiel einem Staat, dann ist Hirscher ein erfolgreiches Staatsoberhaupt mit einem durchaus funktionierenden Regierungs­programm. Es werden langfristige Ziele definiert, die nicht aus der Luft gegriffen sind. Sprich, realistische Ziele. Diese Ziele werden mit seinem Regierungsteam (Physiot­herapeuten, Trainerstab, Sponsoren, Familie etc.) ganz genau besprochen. Denn eines muss bei dieser Planung klar sein: Alle müssen mit im Boot sein, sonst gelingt die Erreichung des Ziels nicht. Zugegeben Gewerkschaften, Betriebsräte oder Volksbe­fragungen haben in diesem Mikrostaat „Hirscher“ wenig Platz, aber es zeigt, wie erfolgreich Ziele umgesetzt werden können. Nun werden wahrscheinlich viele Unkenrufe laut und werfen diesem Mikrostaat zu große souveräne Züge vor. Das kann sein, aber seine Fans nehmen Hirscher ernst, seine Konkurrenz ebenfalls und der Erfolg bestätigt seinen Weg.

Was wir also von Hirscher lernen könnten? Ziele setzen, die auch realistisch umzusetzen sind. Aus Niederlagen lernen und gestärkt den nächsten Schritt zum Ziel verfolgen. Leistung dann abrufen, wenn es nötig und erforderlich ist. Aber auch genau zu wissen, wann Schluss ist.

Bleibt am Ende nur noch, meinen größten Respekt auszusprechen vor solch einer beeindruckenden Leistung. Marcel ist für viele sicherlich ein sportliches Vorbild, aber mit seiner Einstellung und seinem Ehrgeiz könnte er auch vielen Menschen in ganz normalen Entscheidungs­prozessen im Leben als Vorbild dienen.

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