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Leitartikel der Woche

Fremdbestimmt
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Knapp zehn Jahre durfte ich unter Meinesgleichen aufwachsen. Zugegeben, ein etwas eintöniges Dasein. Für viele Lebewesen sind zehn Jahre eine kurze Zeitspanne, für mich war sie mein ganzes Leben. Spannend wird es immer Anfang Dezember. Da werden die großen Artgenossen weggebracht. Unter uns Jüngeren gab es immer wieder das Gerücht, dass wir nur für einen Zweck wachsen und leben dürfen. Seit dem vergangenen Wochenende habe ich nun selbst diese Erfahrung machen müssen. Nun stehe ich neben den Restmüllsäcken und Biomülltonnen am Straßenrand. Ein fast schon erbärmliches Dasein. Dabei war ich noch vor einer Woche der Mittelpunkt in einem Haushalt in Vorarlberg. Ab und zu treffen die ausgedienten Kollegen sich am Straßenrand, vor allem dort, wo es mehrere Wohneinheiten sind. Dabei werden spannende Geschichten ausgetauscht. Unsere Spezies wäre wahrscheinlich ein idealer Infor­mationsver­mittler für Meinungs- und Marktfor­schungsin­stitute. Was wir alles in relativ kurzer Zeit mitbekommen in Singlehaus­halten, Haushalten mit Paaren, Familien oder älteren Menschen. Wir decken auch fast alle sozialen Schichten ab und erleben gute und weniger gute Momente in unserer temporären Heimat. Wir wissen genau die Vorlieben unserer Besitzer und so manche Geheimnisse werden nur in Anwesenheit von uns ausgeplaudert. Wer weiß, eines Tages wird es wahrscheinlich einen Kollegen wie mich geben, aber aus Plastik – gibt es ja schon lange – aber vollkommen digital ausgerüstet ist. Mit Sprachassis­tenten und Dolby Surround-System. Dann kann man direkt über mein künstliches Ich etwas bestellen, seine Lieblings­weih­nacht­shits streamen oder mich über ausgefallene Weihnachtsmenüs befragen. Der Vorteil: Meine digitale Variante würde nicht so schnell auf dem Müll landen. Nachteil für meine Besitzer: all die Daten, die ich jetzt schon für mich gesammelt habe (quasi als lebendes Pendant), würde von meinen digitalen Kollegen direkt an Dritte weitergegeben. Alles hat eben seine Vor- und Nachteile.

Nun warte ich hier am Straßenrand auf dieses riesige Fahrzeug, das mich mit seinem großen Maul verschlingt. Das soll es aber nicht gewesen sein. Ich habe nämlich von meinen Besitzern gehört, dass ich noch eine Funktion zu erfüllen habe. Angeblich soll ich Füllmaterial für einen hohen Holzturm sein, der am Ende dann abgebrannt wird. Tolles Ende für mich! Ich hoffe, die Menschen gehen so nicht mit ihren Mitmenschen um, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.
Ich könnte euch noch viele spannende Geschichten über das alltägliche Leben meiner Besitzer erzählen. Ich habe erlebt, wie sie in Anwesenheit von mir gelacht, geweint und mit anderen Besitzern geredet und zusammen gegessen und getrunken haben. Sie haben vor mir gesungen und von manchen Kollegen weiß ich, dass so manches Haustier nicht widerstehen konnte die Standhaftigkeit meiner Kollegen zu testen.

Ja, ich bin dafür aufgewachsen um am Ende fremdbestimmt für eine kurze Zeit Menschen ein Gefühl der Hoffnung, des Glaubens und der Ruhe zu vermitteln. Oft gelingt es uns und das Größte für uns ist das Leuchten der Kinderaugen. Dennoch bin ich nichts anderes als ein Produkt, das temporär den Mittelpunkt von vielen Haushalten darstellt. Solange wir in Massen produziert werden, wird sich auch in diesem wiederkehrenden Prozess nichts ändern.

Somit verabschiede ich mich an dieser Stelle und wenn Sie mich demnächst am Straßenrand sehen, dann denken Sie dran: Ich war für eine kurze Zeit ein ganz wichtiger Teil in Ihrem Leben.

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