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Leitartikel der Woche

Wie ein schlechter Film
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Reisezeit – Urlaubszeit! Sommer, Sonne, Sonnenschein! Ach wie herrlich sind diese Floskeln zu lesen und wie leicht kommen sie über unsere Lippen.
Und dennoch, seit geraumer Zeit schwingt im alltäglichen Leben immer so eine Art Grundsummen von Unsicherheit bei mir mit. Egal was ich mache, egal wohin ich gehe, ein Unbehagen ist immer dabei. Die Urlaubsplanung ist so schwer wie noch nie, auch wenn wir uns bewusst für den Heimaturlaub entschieden haben. Ist es aber wirklich sicherer bei uns? Die Grenzen sind offen, Menschen aus anderen Staaten dürfen wieder ungehindert zu uns kommen. So ist im Prinzip also nicht einmal unser „schöas Ländle“ sicher. Ist es demnach nur eine Frage der Zeit? Irgendwie steckt man, denkt man über all die Dinge zu viel nach, in einem wahren Dilemma. Auf der einen Seite will man eine gelebte Freiheit wiederhaben und auf der anderen Seite sind die gebetsmühlenartig vorgetragenen Angstphrasen von der Regierung mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Abstand halten, Händewaschen und selbige desinfizieren. Größere Gruppenan­samm­lungen vermeiden. Eigen­verant­wortung. Bei Kindern sind diese
dogmatischen Regeln sehr gut zu erkennen. So wird man als Erwachsener durchaus vom eigenen Kind gemaßregelt, wenn gewisse Hygienerituale nicht eingehalten werden. Und wie recht sie in diesem Moment doch haben!
Spricht man mit anderen über die vergangene Zeit und die Zukunft, dann erkennt man, dieses besagte Grundsummen vernehmen auch andere. Ja, es kommt noch was. Ja, wirtschaftlich wird im Herbst noch einiges auf uns zukommen. Das, was wir bisher erlebt haben, ist nur eine Vorstufe und so weiter und so fort.
Ja, das macht Angst. Angst ist kein guter Begleiter und schon gar kein guter Ratgeber. Es ist ein Gefühl, das uns selbst als gute Schwimmer in einem riesigen
Ozean schneller ertrinken lässt, als Hilfe am Horizont erscheint.
Sehr oft ertappe ich mich, wenn ich zu Hause sitze, mich in meinen eigenen vier Wänden sicher fühle und mir die Welt über verschiedene Medienkanäle einverleibe, dass ich als objektiver Betrachter nicht in diese Welt gehöre. Als würde ich wie die Protagonisten im Film Matrix die Welt nur beobachten. Alles nicht real. Wie ein langer Traum, von dem man nicht erwachen möchte, weil man genau weiß, dass der Traum die Realität ist.
Haben wir am Ende doch nichts gelernt oder wollen wir aus Bequemlichkeit nichts mehr lernen? War dieses Wachrütteln nur ein sanftes Stupsen, wir schauen also nur kurz auf und machen dann gemütlich weiter? Wir sollten dieses breite Grundsummen der Unsicherheit nicht übersehen und schon gar nicht vergessen. Das Gefühl bleibt, und bei jeder neuen Meldung über neue Zahlen sollte uns bewusst sein, dass die Matrix doch keine ist und wir mittendrin sind. Vergessen sollten wir auch all diejenigen nicht, die besonderen Schutz benötigen und die sich dann wieder als erste isolieren müssen. Selbstschutz und Einsamkeit kann ein genauso großes Dilemma sein, wie der Drang nach Freiheit, wie auch lähmende Angst.
Wäre all das ein Film, dann wäre es ein äußerst schlechter und am liebsten würde man ihn gar nicht erst schauen, in jedem Fall einfach abschalten. Was aber, wenn man den Aus-Knopf nicht findet und diesen Film bis zum Ende ertragen muss? Man ärgert sich über die verlorene Zeit und den Film selbst. Leider sind wir alle Akteure
in diesem Film und bestimmen somit jeden Tag die Handlung und vielleicht auch das Ende mit.

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