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Leitartikel der Woche

Presse kommt nicht von erpressbar
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Werden Politiker heutzutage von Journalisten interviewt, dann müssen sie Angst haben, müssen aufpassen, was sie sagen und wie ihre Aussagen möglicherweise falsch interpretiert werden, möglicherweise ganz oder nur aus dem Kontext heraus. Dieser Satz würde wahrscheinlich von zahlreichen österreichischen und wohl auch deutschen Politikern bestätigt. Ein kürzlich gegebenes Interview mit Björn Höcke, einem Spitzen­politiker der AfD, ausgestrahlt im ZDF, hat dieses Bild nur bestätigt.
In manchen Ländern werden solche unangenehmen Interviews beziehungsweise Fragen gar nicht erst zugelassen, vor allem in solchen, in denen Regierungspar­teien oder Staatsführer nichts von Meinungs­vielfalt, nichts von unabhängigem parteiübergreifendem Journalismus halten. Im schlimmsten Fall werden hier nur noch sogenannte staatstreue Medienanstalten gefördert. Es wird also gefiltert und gezielt regierungs­konform gehandelt: Medien werden nur noch mit strategisch für die Regierungs­partei(en) vorteilhaften Aussagen und Pressemit­teilungen bespielt. Das ist klassische Zensur.
Aufgrund der vielen medialen Kanäle sind Politiker heutzutage nicht mehr darauf angewiesen ihre Botschaften nur über die klassische Presse zu kommunizieren. Es gibt Facebook, Instagram und WhatsApp sowie viele andere mehr. Sie sind schnell, übersichtlich und kernig, sie treffen oft den Nerv. Was so gut und einfach klingt birgt auch gleichzeitig das Problem: Es ist nicht die erzielte immense Streuung als solche, sondern vielmehr der Verlust, der dabei entsteht, der Verlust so mancher Kernaussage. Außerdem sind sie schnell, kurzlebig, aber doch dauerhaft, weil immer wieder abrufbar. Gerade das könnte aber für Politik und Politiker auch gefährlich sein. Denn was ein Politiker einmal öffentlich geäußert hat, wird ihn in seiner Karriere immer begleiten, heute mehr denn je. Daraus entstehen typische Phrasen: „So hab ich das nicht gemeint... So hab ich das nie gesagt...“ Die Politik, egal ob Regierung oder Opposition, braucht aber die Presse. Der Umkehrschluss steht eher mit einem großen Fragezeichen im Raum. Journalisten können auch über andere Themen berichten, aber die meisten, zumindest viele Themen, die die Bevölkerung bewegen, haben etwas mit politischen Entscheidungen zu tun. Daher muss auch die Politik immer wieder zu gewissen Themen befragt werden. Man könnte genauso fragen, warum die Presse überhaupt berichtet. Für die Leser/Hörer/User? Ja natürlich, für die Konsumenten, das Wahlvolk, aber es ist auch eine Informations- und Bildungspflicht. Darüber hinaus, und das ist mitunter der wichtigste Aspekt, ist es die Aufklärungspflicht der Presse. Gute journalistische Arbeit endet nicht in der Veröffentlichung kurzer Videosequenzen oder zugespielter Daten von Maulwürfen. Journalistische Aufklärung fängt dort an, wo viele glauben, dass längst alles gesagt und getan wurde. Genau dieses natürlich nach außen wirkende penetrante Nachbohren erweckt auch eine gewisse Vertrauensbasis. Die Presse wird dadurch nicht erpressbar - darf es auch nie werden!
Jetzt im Wahlkampf wird wieder allen genau auf die Finger geschaut, auch den Journalisten. Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit in der Berichter­stattung ist im Kontext der Fake-News ein Grundpfeiler des Journalismus. Wenn dieser Pfeiler zu stürzen droht, dann hat der Journalismus ein ähnliches Dilemma wie die Politik. Seine Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit droht zu kippen aufgrund von Macht und Populismus. Das ist in den Medien, ob digital oder analog, der tägliche Kampf gegen einen drohenden Schnell­schussjour­nalismus.

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