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Leitartikel der Woche

Wunsch ist nicht gleich Realität
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Montagmorgen 9 Uhr: „Vormerkung für zur Corona-Schutzimpfung erfolgreich!“ Erledigt. Schon alleine mit dieser Benach­rich­tigung fühlt man sich etwas sicherer. Na ja. Ist man keiner Risiko- oder system­relevanten Gruppe zugehörig, schwindet die Hoffnung auf den eigenen Impftermin aber sehr schnell. Mit all den aufkommenden neuen Virusvarianten aus Afrika, Großbritannien oder Brasilien scheint der Tunnel noch länger zu werden und das Licht am Ende noch in weite Ferne gerückt zu sein. Mit Lockdown Nummer „Schlagmichtot“ und all den Konsequenzen ist der Motivation­spegel für uns alle sehr, sehr niedrig. Viele Branchen ächzen unter der Pandemielast wie derzeit die Bäume unter der Schneelast. Und ja, viele
werden an dieser Pandemielast zerbrechen. Viele sind es schon. Manche Regelungen sind nicht wirklich nachvollziehbar. So dürfen Reisebüros in den Lockdownphasen geöffnet haben. Jeder fragt sich warum? Was soll ich jetzt buchen? Wegen dieser Öffnungen gibt es für sie auch keine Ausfallförderungen vom Staat. Und dass bei Umsatzeinbrüchen von mehr als 95 Prozent. Der Vorarlberger Wintertourismus schreibt die Saison bereits ab. Die wenigen Vorarlberger Skifahrer können den gewünschten Umsatz nicht in Schwung bringen.

Schüler, die sich brav im Distance-Learning befinden, haben die Schule in diesem Semester gerade einmal vier bis maximal fünf Wochen von innen gesehen. Manche Schüler kennen ihre Mitschüler oder Lehrer nur vom Bildschirm. Minister Faßmann bittet alle Lehrer, mit Bedacht und Rücksicht die Leistungs­beur­teilungen für die Kinder und Jugendlichen zu vergeben. Ist aber nur eine Empfehlung. Wie so vieles derzeit im Bildungsbereich und somit bleibt alles mehr als schwammig. Wie in vielen Bereichen will man sich aus schulautonomer Sicht ja nicht in Karten blicken lassen. Schon jetzt scheint die Chance vertan zu sein, mit den digitalen Möglichkeiten ein transparentes und für alle durchschaubares und vergleichbares Bildungssystem zu schaffen.
Viele Experten sind ja der Meinung, dass der Lockdown, wie wir ihn jetzt haben, noch viel zu locker sei. Vielleicht sollten wir ihn daher Lockerdown nennen. Die Zahlen zeigen ja, dass die Inzidenzen zwar etwas nach unten gehen, aber von einem Wert unter 50 sind wir noch weit entfernt. Woher kommen also die Neuansteckungen? Von überall dort, wo Menschen zusammenkommen. Anders kann man es nicht erklären. Auf der Arbeit, bei der Schüler- und Kinderbetreuung, bei privaten „Feschtle“, bei Dienstreisen und so weiter.

Dabei ächzt und jammert jeder über Einschränkungen und doch suchen viele die Ausnahme. Doch auch hier gilt: Wunsch ist nicht gleich Realität.

Genauso gibt es derzeit in den sozialen Netzwerken und auch medial gepusht die Diskussion über die Sicherheit der verschiedenen zugelassenen Impfstoffe. Dabei sind die größten und lautesten Kritiker diejenigen, die zahlreiche Tabletten, Nahrungsergänzungsmittel und andere mögliche und unmögliche alternative Wiesen- und Blütenpollen zu Hause haben, von denen sie nur teilweise oder noch nie den Beipackzettel gelesen haben.
Jammern, dass alles nur noch schlecht ist, dass die Regierung den wirtschaft­lichen und sozialen Karren an die Wand fahren wird, aber im Gegenzug wenig für einen hilfreichen Lockdown beiträgt und sich womöglich nicht impfen lässt, der macht die absurde Rechnung wiederum salonfähig: Wunsch ist gleich Realität.

Wo ist dieses WIR-Gefühl geblieben, das wir vor knapp einem Jahr so gefeiert haben? Mein etwas pessimistischer Blick in die Vergangenheit und die Zukunft sagt mir, dass es dieses Gefühl nie wirklich gegeben hat und geben wird, und somit werden wir uns noch sehr lange im Kreise drehen. Aber vielleicht wird dafür eine andere Gleichung aufgestellt.

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