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Leitartikel der Woche

Wenn das Wasser bis zum Hals steht
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Kaum ist die Schiausrüstung der ganzen Familie fachmännisch im Keller verstaut, blickt man schon sehnsüchtig auf die Freibadsaison. Aber nicht nur der Weg an den nächstgelegenen See oder eine öffentliche Badeanstalt ist reizvoll. Nein, auch der eigene Gartenpool wird wieder aus irgendeiner Ecke des Dachbodens hervorgeholt, fachmännisch überprüft und aufgebaut. Der Trend des Eigenpools ist seit Jahren ungebrochen und all die „Spitzen-Best-Preis-Angebote“ die aus den Prospekten der Baumärkte und Discounter winken, bestätigen dies.

Die Familien­saison­karte für das nahegelegene Freibad ist ebenfalls schon gekauft - schon fast ein Muss, denn was im Winter mit der Schikarte gilt - ist im Sommer die Bädersaisonkarte. Der perfekte Sommer kann kommen! Zufrieden und voller Glücksgefühle geht man am ersten sonnigen und heißen Tag nach der Bädersaisoneröffnung ins Freibad. Dort werden die Erwachsenen von anderen sonnen- und gastgarten­hung­rigen Eltern erwartet. Man(n) überprüft instinktiv die anderen Badegäste auf deren Figur in der neusten oder weniger neuen Bademode und stellt mit einem zufriedenen Lächeln fest, dass man durch das viele Schifahren eine figuren­tech­nisch tolle Vorbereitung für die Badesaison absolviert hat. Während der Gespräche mit den anderen Eltern stellt man fest, dass sich auch die Investition in den Schikurs der Kinder voll ausgezahlt hat. Die Kleinen fahren einem jetzt schon um die Ohren.

Plötzlich wird es hektisch im Bad, man hört nur Geschrei und am Eingang sieht man schon die Rettungskräfte in Richtung Pool rennen. Mit einem Schlag kommt der Gedanke, dass die eigenen Kinder sich schon seit längerer Zeit nicht mehr blicken haben lassen. Ein Kind kommt schreiend auf die chillende Elterngruppe am Kiosk zu. Es gab einen Vorfall im Becken. Ein achtjähriges Kind ist im Kinderbecken unglücklich ausgerutscht und konnte aus eigener Kraft nicht mehr an die Wasseroberfläche. Bei der Befragung der Eltern wurden zwei Dinge festgestellt: Das Kind konnte nicht schwimmen und die Aufsichtspflicht wurde verletzt.

Leider passieren die beiden genannten Punkte immer häufiger. Bei der Aufsichtspflicht heißt es von Seiten vieler Eltern als Entschuldigung oft, dass ihr Kind nur in Becken oder Gewässer dürfe, wo das Wasser maximal bis zur Brust reiche.

Jedes Kind sollte schwimmen können! Davon ist das Österreichische Jugendrotkreuz überzeugt und macht rechtzeitig zum Start in die Badesaison 2018 darauf aufmerksam, dass Schwimmen zu können eine wichtige Lebenskompetenz ist. Hier eine erschreckende Bilanz aus Wien: Laut offiziellen Zahlen des Wiener Stadtschulrates kann nur mehr jedes zweite achtjährige Kind schwimmen. Schwimmen ist vielleicht keine Trendsportart, aber im Ernstfall eine überlebe­nsnot­wendige Fähigkeit, die erlernt werden muss, und zwar richtig. Ähnlich wie eine Fahrradprüfung müsste es für alle Kinder ab dem Alter von vier Jahren (oder früher) eine verpflichtende Schwimmprüfung geben. Nur mit solch einem Schwimmprüfungsausweis darf dann das Kind mit Begleitung eines Erwachsenen ins Schwimmbad. Das würde ja auch das Sicherheitsgefühl erhöhen, wenn man selbst Besitzer eines Hauspools ist. Das soll die Aufsichtspflicht nicht ersetzen, aber zumindest erhöht es die Chancen für die Kinder im Fall einer ernsten Situation, im Wasser richtig zu reagieren. Der Zeitpunkt für einen Schwimmkurs ist zu jeder Jahreszeit günstig, auch für Erwachsene die gerne baden gehen aber nicht schwimmen können. Das Thema betrifft eben nicht nur Kinder.

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