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Leitartikel der Woche

Die Zahl 150
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
Die Zahl 150 kann in verschiedenen Lebensbereichen oder Systemen eine unter­schied­liche Rolle spielen. So können 150 Euro für eine Familie viel Geld sein. Ein Wochenen­deinkauf geht dabei schon einmal locker drauf. Und da sprechen wir von keinen exklusiven Einkäufen oder Artikeln in teuren Lebensmittelläden. Die Inflation und damit verbunden die Teuerung bedingt, dass noch vor einiger Zeit mit 150 Euro der Einkaufswagen sehr gut gefüllt war. Stand heute kann man sich damit gefühlt ein Viertel weniger oder sogar nur noch die Hälfte leisten.
Würde es derzeit ein Treffen mit 150 Menschen geben, wäre dies eine gefährlich hohe Anzahl und abgesehen davon sogar verboten. 150 Menschen auf allen Intensiv­stationen in Vorarlberg wären in der derzeitigen Lage eine absolute Katastrophe. Unrealistisch derzeit wohl eher nicht.
Wären in Vorarlberg theoretisch nur noch 150 Arbeitslose gemeldet, dann ist die Zahl 150 sehr, sehr wenig und positiv. Würden umgekehrt den jetzigen Arbeits­losen­zahlen nur 150 offene Stellen gegenüberstehen, wäre diese Zahl negativ wenig.
Wenn aber 150 Menschen in einer system­relevanten Berufsgruppe gleichzeitig damit drohen, ihre Jobs zu kündigen, dann hätten wir ein richtiges Problem. Zumal die Suche in dieser Berufsgruppe schon ohne Pandemie eh eine Herausforderung für die Verant­wort­lichen darstellt. Noch ist diese Kündigungswelle nur eine Drohung. Diese Drohung liest sich nach der Aussendung der zuständigen Gewerkschaft wie ein Gesamtversagen im Bildungssystem. Um eines an dieser Stelle klarzustellen: Weder alle Menschen in dieser system­relevanten Berufsgruppe noch die Gewerkschaft steht voll hinter dieser Entscheidung der 150. Es ist auch kein Kampf von Spartanern gegen übermächtige Perser oder Griechen. Und doch kommt es einem in diesen Tagen so vor.
In dem offenen Brief der 150 wird weder erwähnt, dass bereits 80 Prozent dieser Berufsgruppe sich selbst schützt, noch, dass auch ein großer Teil der Kunden, die diese system­relevanten Einrichtungen besuchen, geschützt sind. Es wird auch nicht erwähnt, dass ein großer Teil noch nicht geschützt ist, weil es bis jetzt noch keine Möglichkeiten gab. Mit Kunden meine ich unsere Kinder.
Genau jetzt in einer sehr heiklen Phase ihres Lebens wird durch 150 Menschen (wahrscheinlich werden oder sind es noch mehr) ein brüchiges System, in dem unsere Kinder während der Pandemie wahrscheinlich am meisten leiden mussten, noch fragiler.
Und recht schnell - wie bei jeder Debatte - kommt die Frage nach den Schuldigen. Laut dem offenen Brief der 150 sind es die Verant­wort­lichen in der besagten system­relevanten Berufsgruppe. Es sind auch wir Medien und selbst Eltern, die Druck auf die 150 ausüben.
Wenn also im kommenden Jahr 150 Menschen keine Arbeit mehr haben, weil sie kündigen werden, dann ist das zwar schade, aber passiert wahrscheinlich einmal im Monat, wenn man alle Berufsgruppen landesweit zusammenzählt. 150 fehlende Menschen in einer system­relevanten Berufsgruppe können aber zu massiven Problemen im Erhalt unserer Werte und vor allem für die Zukunft unserer Kinder führen.
Es ist für mich daher unverständlich, sollte diese Drohung in die Tat umgesetzt werden. Umgekehrt sollten wir uns alle die Frage stellen, ob es verantwor­tungsvoll ist, dass 150 Menschen unseren Kindern Werte vermitteln, die wir als Eltern nicht vertreten können, weil es um die Gesundheit und Zukunft unserer Kinder geht?
Lehrer zu sein hat viel mit Leidenschaft und Verantwortung zu tun. Und wenn 150 Menschen dies nicht so verstehen, haben sie ihren Beruf verfehlt.

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