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Leitartikel der Woche

Sag mir, was du isst,...
Christian Marold
christian.marold@rzg.at
... und ich sage dir, wer du bist. Frei nach diesem Zitat der französischen Schrift­stel­lerin Jean Anthelme Brillat-Savarin könnte man analysieren, welche Kaufgewoh­nheiten jeder einzelne im Bezug zu Lebensmitteln hat. Kurz vor der Fastenzeit lohnt sich ein Blick in die Zukunft. Was begleitet uns beim täglichen Kauf von Lebensmitteln? Bio, vegetarisch, vegan, regional und nicht zu vergessen nachhaltig. Heutzutage ist es nicht ganz so einfach, sich bewusst zu ernähren, obwohl das Angebot und die Vielfalt jedes Jahr größer werden. Oder eben gerade darum.
Ob ohne oder mit Fleisch oder Fisch, überall muss, beziehungsweise sollte der Konsument prüfen, ob die Produkte auch wirklich den moralischen Vorstellungen entsprechen, wie sie manche Strömungen predigen. Was nützt es, wenn ich mich fleischlos ernähre, aber von der Avocado bis hin zu Sojaprodukten alles in Massen produziert und möglicherweise aus Ländern importiert wird, bei denen unklar ist, mit welchen Ressourcen verschwendenden Methoden angebaut wird? Was hilft es, nur einmal in der Woche Fleisch zu essen, wenn dieses dann aus Massen­tier­haltung stammt und deswegen zu einem Dumpingpreis erhältlich ist? Das ist Heiligen­schein­denken und geht über den Kern, Gutes für sich und die Umwelt zu tun, hinaus. Dieses Denken sollte keine Entschuldigung sein und auch kein Aufruf zu grundloser Völlerei. Es zeigt vielmehr auf, dass jeder Einzelne von uns mehr denn je in der Verpflichtung ist, sich bewusst darüber zu informieren, was wir essen also das zu sein, was jeder durch seine Ernährung auch sein will. Hinter jeder Entscheidung steckt auch ein moralischer Gedanke. Eben auch beim Thema Ernährung. Sonst könnten wir gleich das ganze Jahr Fasching feiern und maskiert bleiben.
Jeder sollte für sich entscheiden, wie er sich ernährt. Das ist sein Recht. Die Kehrseite der Medaille ist das Überangebot in den Lebensmittelläden. Der Konsument erwartet, schon fast zu jeder Tages- und Nachtzeit alles zu bekommen und größtenteils wird das auch so suggeriert. Dieses Verhalten muss sich drastisch ändern, sonst erreichen wir mit alldem bio-ökologischen Denken gar nichts.
Ein neuer Ernährungstrend schwappt langsam nach Europa: Insekten. In vielen asiatischen Ländern sind Insekten auf den Märkten ein alltägliches Bild. Das könnte bald auch bei uns in den heimischen Küchen zu sehen sein. Doch Insekten sind teuer, derzeit bezahlt man für ein Kilo Vorarl-
berger Heuschrecken circa 300 Euro! Das ist in etwa der Kilopreis für Trüffel der untersten Kategorie. Noch ist die Produktion und Aufzucht aufwendig und teuer. Aber immerhin: Made im Ländle. Manche Ernährungsexperten und Zukunftsfor­scher sehen in diesen Insek­tenp­rotein­bomben die Ernährung der Zukunft.
Unser derzeitiges Essverhalten ist ein globaler Fingerabdruck. Wir hinterlassen überall Spuren. Der Überschuss an Lebensmitteln kaschiert aber nicht die Tatsache, dass täglich Tausende Kinder an Unter-
ernährung sterben, noch weit weg von uns in fernen Regionen. Produzenten und Konsumenten wirtschaftlich reicher Länder müssen anfangen umzudenken, sonst bleibt uns keine Wahl. Wenn in diesem Bereich das Angebot geringer ist, werden Lebensmittel automatisch wieder wertvoll und dann sind Kilopreise von 300 Euro - egal für welches Lebensmittel - nichts besonders mehr, sondern Alltag. Was sind uns unsere Lebensmittel also wirklich wert? Was sind wir bereit, dafür auszugeben? Im Vergleich zu anderen Luxusartikeln des täglichen Gebrauchs, z.B. Smartphones, ist es im Moment noch viel zu wenig. Ja, es muss für jeden leistbar bleiben, aber bitte nicht auf Kosten eines Überschusses und der Qualität der Produkte. Sage mir, was du isst, und ich sage dir, zu welchem Preis und mit welcher Qualität du dich ernährst.

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